20 Jahre Ensemble FisFüz    Oriental Jazz

  1. September 2018 | 20:00 Uhr | 15 €

bistro verde in der alten Schmiede

Maternusstraße 6 | 50996 Köln | 0221 93550417

Annette Maye – Klarinette | Murat Coskun – percussion   Gürkan Balkan – Oud, Gitarre, Gesang

 

An einem Dienstagabend Mitte der Neunziger Jahre kletterten zu vorgerückter Stunde drei junge Musiker auf die Offene Bühne des Jazzhaus Freiburg. Dort regierten sonst eher anglo-amerikanisch geprägte Songwriter und die Traditionen der britischen Inseln. Doch plötzlich wehten orientalische Skalen und Rhythmen durch den Gewölbekeller, und eine ausgelassene Party begann, angeheizt durch mitreißende Darbuka, wirbelnde Klarinette und knackigen E-Bass. Die Folkies hielt es nicht mehr auf den Stühlen, und am nächsten Morgen war das Trio, das den wundersamen Namen FisFüz trug, Tagesgespräch. Einige Male sind FisFüz noch auf die Offene Bühne zurückgekehrt, doch es war schon damals klar: In dieser jungen Gruppe um den deutsch-türkischen Perkussionisten Murat Coşkun und die Flensburger Klarinettistin Annette Maye – zunächst noch mit wechselnden Gastmusikern – steckte ein Potenzial, dass sie schnell zu anderen Gestaden führen würde.

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, und tatsächlich ergäben diese Gestade, zu denen es FisFüz getragen hat, ein Gewimmel bunter Fähnchen, steckte man sie alle auf einer Karte ab. Heute, wo in Mitteleuropa ein globalisiertes Musikvokabular selbstverständlich geworden ist, lässt es sich gar nicht mehr so richtig ermessen, welche Lanze FisFüz mit ihren ersten CDs Bosphorus Fishing und der originell gefertigten Sim Sim (samt Sesamsamen!) für dieses Genre gebrochen haben. Doch damals war sie pionierhaft, diese Mischung aus clever bearbeiteten türkischen und balkanischen Melodien und jazziger Improvisation. Der Südwestrundfunk belohnte das bereits 1998 mit seinem Weltmusikpreis, und rasch schickte auch das Goethe-Institut die jungen Künstler bis in den Iran und nach Nordafrika. Es folgte eine kurze Auszeit mit Soloprojekten und veränderten Lebensmittelpunkten.

Coşkuns und Mayes Rückkehr 2007 trug einen wundervollen Namen: Yakamoz, das türkische Wort für „Meeresleuchten“. Auf dem lyrischen Werk stellten sie auch ihren neuen Mitmusiker Gürkan Balkan vor – ein begnadeter Virtuose sowohl auf der Oud als auch der Gitarre, und damit ein Brückenbauer zwischen Ost und West, wie geschaffen für das Konzept des Ensembles. Die Klangfarben fächerten sich weiter auf, mit Bassklarinette, Hang und gestimmten Rahmentrommeln, mit abendländischen Harmonien und jazzigerem Groove. Seitdem ist das Ensemble FisFüz in verschiedenste spannende Sphären vorgestoßen: Für die Golden Horn Impressions erweiterten sie sich kurzerhand zum Nonett, auf Oriental Touch tauchten sie mit den Freiburger Spielleyt tief ein in die Alte Musik Italiens und Spaniens, und mit ihrem Projekt Mozart im Morgenland betraten sie beherzt und espritvoll ein Serail, betteten auf plüschige Palastkissen ihre Erfahrungen aus der Klassik. FisFüz und die sogenannte „ernste“ Musik – mehr als ein Flirt: Das zeigte sich schließlich, als sie vier ihrer Eigenkompositionen mit der Textur eines kompletten Symphonieorchesters einkleideten.

Den Zenit ihrer klanglichen Farbenpracht bilden vielleicht die Alben Ashuré (2011) und Papillons (2012): beide im warmen Analogsound der legendären Villinger MPS-Studios entstanden, einmal gewürzt mit den indischen Zutaten des Schlagwerk-Gastes Ramesh Shotham, einmal mediterran aufblühend mit dem langjährigen Klarinetten-Freund Gianluigi Trovesi – nebenbei: nur zwei vieler illustrer Teamworker des Ensembles, unter denen sich so klangvolle Namen wie Giora Feidman, Michel Godard oder das Freiburger Barockorchester tummeln. Wer die Papillons-Sessions im tiefverschneiten Schwarzwald miterleben durfte, diese hochkonzentrierten, inspirierten und auch humorvollen Stunden mit dem italienischen Jazzgiganten, dem wurde bewusst, welchen grandiosen Weg FisFüz seit ihrer Geburtsstunde zurückgelegt haben.

Zwanzig Jahre FisFüz! Das gilt es zu feiern, und das tun die drei Musiker ausgiebig mit ihrer hier vorliegenden Jubiläums-CD Bonsai. Die lässt nicht nur simpel die zwei Dekaden Ensemblegeschichte Revue passieren, sondern vereint lange nicht mehr gehörte Perlen und aktuellere Kompositionen in neuen Gewändern: Vom geheimnisvoll-suggestiven „Blue Carpet“ über den schaukelnden Sudan-Groove von „Tokar“ bis zum sanften spanischen Lied „Ay Linda Amiga“, vom qürtaktigen Titelstück übers schmissige Klezmer-Intermezzo „Odessa Bulgar“ zum verträumt-bluesigen „Filouesken Geheimis“. Und natürlich darf auch der All Time-FisFüz-Hit „Bosphorus Winds“ nicht fehlen.

Heute ist jeder der drei „FisFüzler“ für sich eine Koryphäe: Murat Coşkun wirkt als ein über viele Landesgrenzen hinaus geschätzter Perkussionist, Komponist und Dozent, der mit seinem weltweit einzigartigen Tamburi Mundi-Festival alljährlich die globale Rahmentrommelgemeinde zusammenführt. Anette Maye, die von Köln aus als vielgefragte Virtuosin in der Neuen Musik und Impro-Szene unterwegs ist, hat mit „Multiphonics“ einen fantastischen, stilübergreifenden Klarinettengipfel ins Leben gerufen. Und schließlich Gürkan Balkan, der mit seiner Saitenkunst am Bosporus in Klassik, Folk und türkischem Pop zu finden ist. Doch wenn sie zusammenkommen, um neue Klangabenteuer zu bestehen, dann ist das für alle drei ein Stück Heimat. Eine Heimat, die nicht an einen Ort gebunden ist. Sie kann nicht nur in Freiburg, Köln oder Istanbul sein. Auch da, wo der Wind über der anatolischen Hochebene sein Lied pfeift, der Mond das Meer erleuchtet. Wo sich Tango und Klezmer zu einem Fantasiegebilde vereinigen, am Lagerfeuer Flamenco getanzt wird oder Rokoko und Osmanisches Reich ineinanderfließen. Es ist eine Heimat aus Tönen, die sie überall zusammen mit ihrem begeisterten Publikum bewohnen können – sowohl im Morgen- wie auch im Abendland.

Annette Maye

Die Klarinettistin Annette Maye beschäftigt sich mit Weltmusik, Jazz, zeitgenössischer Musik und Improvisation. Sie spielte ihre Klarinetten mit international renommierten Musikern und Ensembles wie Gianluigi Trovesi (Italien), Michel Godard (Frankreich), Günter Baby Sommer (Deutschland), Glen Velez (USA), Giora Feidman (Israel), Mohamed Mounir (Ägypten), Tonkünstlerorchester Niederösterreich und Noreum Machi (Südkorea).

Erfolgreich wirkt sie in unterschiedlichen Formationen (ensemble FisFüz, Duo Doyna, Tabadoul Orchestra u.a.) mit, in denen sie ihr weltmusikalisches und improvisatorisches Faible sowie den Jazz miteinander verbindet.

Sie ist Trägerin des „Künstlerinnenpreis NRW“ 2016, der ihr vom Land Nordrhein-Westfalen in Kooperation mit dem WDR Jazzpreis zuerkannt wurde. Seit 2013 leitet Annette Maye das „Multiphonics Festival“, ein spartenübergreifendes internationales Festival für Jazz, Weltmusik und improvisierte Musik mit besonderem Fokus auf der Klarinette.

Geboren wurde die Musikerin in Flensburg. Nach ihrem abgeschlossenen Studium der Osteuropäischen Geschichte, Musikwissenschaft und Ostslawistik studierte sie Jazzklarinette an der Kölner Musikhochschule bei Claudio Puntin und Frank Gratkowski (Diplomabschluss 2005). Darüberhinaus besuchte sie den Unterricht von Paulo Alvares (Improvisation) und erhielt 2004/05 ein Stipendium für einen mehrmonatigen Studienaufenthalt am Pariser Conservatoire national supérieur de Musique et de Danse. Mit dem Rahmentrommler Murat Coʂkun gründete sie 1995 das Oriental Jazz-Quartett „ensemble FisFüz“, gewann mit diesem 1998 den SWR-Weltmusik-Wettbewerb „querBeet“ und veröffentlichte zahlreiche CD-Alben. Häufig in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut reiste sie in die USA, auf den Balkan, in die Benelux-Länder, nach Frankreich, Portugal, Russland, Zypern, Indien, Südkorea, Japan, Taiwan, in den Sudan, nach Marokko, Tunesien, Ägypten, Jordanien, Irak, Iran, Libanon, in die Vereinigten Arabischen Emirate und in die Türkei. Dort trat sie auf zahlreichen Festivals auf und gab Workshops. Annette ist Gründerin des Modern Klezmer-Duos „Doyna“, wo sie gemeinsam mit dem Gitarristen Martin Schulte einen jazzig-expressiven Zugang zur Klezmermusik findet, sowie Mitglied des „Tabadoul Orchestra“ mit Musik des ägyptischen Komponisten Mohamed Abdel Wahab. Auf dem Gebiet der Neuen Musik und Freien Improvisation ist sie u.a. immer wieder im „Multiple Joyce Orchestra“ zu hören. Ihr jüngstes Projekt ist das Quartett „Annette Maye´s Vinograd Express“ in dem sich die Klarinettistin zusammen mit dem italienischen Maestro an der Altklarinette Gianluigi Trovesi das „Masada Songbook“ des New Yorker Avantgarde-Komponisten John Zorn vorgenommen hat. Die Musikerin wirkte bei zahlreichen Musiktheater-, Filmmusik- und Hörspielproduktionen mit, u.a. „Anatevka“, „Der Wunschpunsch“, „Carmen“, ARD Hörspieltage (Live-Hörspiel Baron von Münchhausen) oder bei der Verleihung des ARD Hörspielpreises, ZDF Theaterpreises und des Grimme-Preises. Seit dem Jahr 2001 ist sie als Dozentin für Klarinette an der Offenen Jazzhausschule Köln tätig.

 

Murat Coskun

Fundiert auf seinem Studium der Orientalistik und Musikethnologie vermittelt der international renommierte Perkussionist Murat Coşkun zwischen den musikalischen Welten des Orients und Okzidents, schöpft aus einem großen Musikrepertoire unterschiedlichster Kulturen und engagiert sich in vielen Stilrichtungen wie Weltmusik, Klassik, Alte Musik, Jazz und Neue Musik. Seine Konzerte führten ihn u.a. nach gesamt West- und Osteuropa, in die Mongolei, USA, Vietnam, Kambodscha, Indonesien, Laos, Korea, Marokko, Algerien, Tunesien, Türkei, Iran, Irak, Israel.

Immer wieder wird er als Solo-Perkussionist von international renommierten Orchestern wie z.B. dem Freiburger Barockorchester, den NDR Radiosymphonikern, Tonkünstler Orchester Österreich eingeladen. Er ist seit 2004 Perkussionist bei Giora Feidman und arbeitet regelmäßig in Projekten mit international renommierten Musikern wie dem 5-fachen Grammy-Gewinner Glen Velez, Michel Godard, Enrique Ugarte oder Gianluigi Trovesi.

Murat Coşkun tritt ebenso als Studiomusiker für zahlreiche CD-, DVD-Produktionen sowie auch als Komponist bei Theaterproduktionen in Erscheinung. TV- und Rundfunkproduktionen – mit ihm und über ihn – runden sein künstlerisches Profil ab.

Als gefragter Dozent für orientalische Perkussion und Rahmentrommeln unterrichtete er eine eigene Lehrmethode (u.a. an der Musikhochschule Freiburg und an weiteren internationalen Hochschulen und Institutionen in der Schweiz, Spanien, USA, Türkei, Iran usw.). Ab Wintersemester 2015/2016 lehrt Murat Coşkun als Dozent für Perkussion im neugeründeten Studiengang für Weltmusik an der Popakademie Mannheim.

Als Autor und Lehrer entwickelte er die erste Rahmentrommel-Lehr-DVD Finger Dance und ist als Endorser der Firmen Anklang Musikwelt und Schlagwerk Percussion an der Neuentwicklung von Rahmentrommeln beteiligt.

Murat Coşkun ist Gründer und künstlerischer Leiter des weltweit bedeutendsten Festivals für Rahmentrommeln Tamburi Mundi in Freiburg, mit dem er auch Gastspiele u.a. in den Ländern Iran, Italien und Türkei veranstaltete.

Murat Coşkun gewann 1998 den SWR-Weltmusikpreis mit dem ensemble FisFüz und wurde 2004 mit dem ZMF-Preis ausgezeichnet.

Gurken Balkan

Als Spross einer Musikerfamilie und waschechter Sohn Istanbuls, studierte die klassische Ud sowie Gitarre, Klavier und Komposition. Er ist wohl unumstritten einer der wenigen Ud-Spieler in Europa, die Innovationen musikalisch ausgereift und geschmackvoll auf diesem Instrument umsetzen können. Bei allem Respekt für die alten Meister lässt er sich auch von modernen Ansätzen wie dem Jazz leiten und wurde so zu einem gefragten Produzenten und Sudiomusiker und arbeitet neben vielen türkischen Künstlern auch mit europäischen Orchestern und Musikern wie Giora Feidman zusammen. Mit ornamentenreichen Melodiefiguren und feingliedrigen Klangbildern bringt Gürkan Balkan seine Ud zum „Singen“. Durch seine neuen harmonischen und melodischen Ausdrucksmöglichkeiten lässt er traditionelle Grenzen hinter sich.​

Foto: Yoshi Toscani