Christel Lammers (li.) mit der Leiterin der Schule María Jacinta Torres Campos (re.). Foto: Projektpartner/Kindermissionswerk.

 

In Deutschland werden aktuell viele Corona-Beschränkungen gelockert. Auch Kindertagesstätten und Schulen öffnen wieder sporadisch. Für viele Familien war und ist diese Zeit eine enorme Herausforderung. Wie mag es da sozial schwachen Familien in einem der ärmsten Länder der Erde gehen, die Kinder mit Behinderungen haben? Christel Lammers ist Projektpartnerin des Kindermissionswerks ,Die Sternsinger’ in der Dominikanischen Republik. In Santo Domingo, im Süden der karibischen Insel, betreut sie zusammen mit anderen Mitarbeitern eine Schule für Kinder mit Behinderungen, die „Escuelita Rayo de Sol“ (Kleine Schule Sonnenstrahl).

 

Fragen an Christel Lammers (51), Assistenz der Direktorin von Escuelita Rayo de Sol“:

 

  1. Wie ist die Situation in der Dominikanischen Republik angesichts der Verbreitung des Coronavirus?

Wir haben nach wie vor eine Ausgangssperre, die aber jetzt etwas verkürzt wird. Bislang galt sie immer von fünf Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Jetzt gilt sie von sieben Uhr abends bis fünf Uhr morgens. Es sollen auch wieder die U-Bahnen und Busse verkehren dürfen. Das ist allerdings ein Tropfen auf den heißen Stein, denn es gibt hier nur zwei Linien und die Busse dürfen nur zu 30 Prozent besetzt werden. Mal sehen, wie das funktioniert, und wie diszipliniert die Dominikaner sind. Wir sind sehr gespannt, wie viele Mehrinfektionen jetzt dazu kommen werden. Aber die Menschen sind sehr froh, wieder rausgehen zu dürfen und dass die Unternehmen wieder ihre Arbeit aufnehmen können, wenn auch nur mit reduzierter Mitarbeiterschaft. Es werden auch wieder Geschäfte geöffnet, allerdings mit klaren Vorschriften und sehr begrenzt. Der Präsident hat zum Beispiel sehr klar vorgegeben, wie viele Angestellte arbeiten dürfen. Schulen und Restaurants hingegen werden weiterhin geschlossen bleiben, öffentliche Veranstaltungen finden nicht statt. Für die Menschen ist es sehr, sehr schwer, soziale Distanz einzuhalten. 50 Zentimeter Abstand werden hier empfunden wie in Deutschland zwei Meter. Das wird eine große Herausforderung.

 

  1. Was für Maßnahmen haben Sie ergriffen, damit die Mädchen und Jungen weiter unterrichtet werden können?

Es ist bekanntgegeben worden, dass das Schuljahr in häuslicher Quarantäne stattfinden soll. Das heißt, wir sind angehalten, weiterhin aus der Distanz Unterricht zu geben. Für unsere Kinder haben wir uns vor allem auf Mathematik und Spanisch konzentriert und unterrichten über soziale Medien, die man in Deutschland auch nutzt, soweit sie denn vorhanden sind. Denn viele Kinder und deren Familien haben keinen Zugriff auf diese Medien. Daher schöpfen wir alle Möglichkeiten der Kontaktaufnahme aus und empfangen die Eltern zweimal pro Woche, um sie mit Unterrichtsmaterial zu versorgen, das auf jedes Kind individuell zugeschnitten ist. Die Kinder arbeiten dann zu Hause mit den Materialien, und wir versuchen über Telefon oder vereinzelte häusliche Besuche, zu den Kindern Kontakt zu halten und sie so zu unterstützen. Mit wir meine ich in erster Linie meine Kollegen, da ich als Fachkraft mehr in der Verwaltung und im Fundraising arbeite. Von daher berichte ich eher von dem, was meine Kollegen leisten.

 

  1. Wie so oft in Krisenzeiten sind die Schwächsten der Gesellschaft am stärksten betroffen. Wie geht es den Kindern mit Behinderungen aus sozial schwachen Familien in einem der ärmsten Länder der Erde?

Unsere Kinder erleben in unserer Schule immer eine kleine Auszeit, weil sie hier raus sind aus ihrem gewaltvollen Umfeld, raus aus dem Elend. Und auch weil sie hier wenigstens einmal am Tag eine nahrhafte Mahlzeit erhalten. Von daher fehlt ihnen die Schule sehr und alles, was sie hier machen. Aber sie leben von Tag zu Tag, von Minute zu Minute. Wir haben ja schon vor den Kontraktbeschränkungen versucht, die Distanz zu wahren, aber das war sehr schwierig. Wir haben zum Beispiel kontaktlose Begrüßungsmethoden geübt, aber als wir damit fertig waren, haben sie uns doch umarmt. Die Corona-Situation ist einfach zu abstrakt, als das ein Mensch mit geistiger Behinderung das immer so erfassen kann.

 

  1. Weltweit kommt es zu Stellenabbau, die Arbeitslosenzahlen steigen. Wie spüren Sie diese Auswirkungen in der Schule?

Ich finde es spannend zu sehen, welche Dynamik, sowohl positiv als auch negativ, entstehen kann. Unsere Mitarbeiter verzichten freiwillig auf einen Teil ihres Lohnes, damit so wenig Mitarbeiter wie möglich entlassen werden müssen. Das fand ich sehr beeindruckend. Fünf Mitarbeiter, die über das Schulministerium finanziert werden, haben aus Solidarität zu ihren Kollegen sogar einen Teil ihres Gehalts gespendet.

Und wir sind froh, dass wir mit den Eltern, deren Vertretern und mit den Lehrern Sprachrohre haben, dass wir die verschiedenen Konflikte wahrnehmen und darauf reagieren können. Es ist schon eine sehr besondere Zeit.

 

  1. Ausgangssperren, Versammlungsverbote und eine erhöhte Gewaltbereitschaft auf den Straßen. Was bedeutet das für Ihr Team und die Arbeit in der Schule? Wie sieht die Strategie der Schule für die nächste Zeit aus?

Wir müssen unsere Strategie alle Nase lang anpassen. Wir werden den Unterricht, so wie er vorgeschrieben ist, versuchen weiter zu führen. Unsere Pädagogen und Therapeuten haben darüber hinaus bereits etliche Ideen, wie sie unsere Kinder trotz der Einschränkungen bestmöglich bei ihrer Entwicklung unterstützen. Eine große Herausforderung ist es, uns finanziell über Wasser zu halten. Die Aktionen, mit denen wir um Spenden bitten, müssen wir neu denken. Unsere Benefizveranstaltung im Dezember mit mehr als tausend Teilnehmern werden wir wohl nicht durchführen können. Weil fast alles geschlossen ist und wir in der Pandemie niemanden direkt ansprechen können, bekommen wir mit unserer auf den Sommer verschobenen, sogenannten „Segens“-Tombola auch nur einen Bruchteil der Spenden zusammen, die uns in den Vorjahren unsere Existenz gesichert haben. In Rücksprache mit denen, die uns unterstützen, müssen wir abwarten, wie die weiteren Phasen der Öffnung aussehen. Je nachdem, wie die Rahmenbedingungen sind, passen wir unsere Strategie an und machen, was wir können.

 

Infobox:

Die Dominikanische Republik liegt im Ostteil der Insel Hispaniola in der Karibik (Große Antillen). Im Land herrschen große Unterschiede zwischen der armen Bevölkerung und der reichen Oberschicht. Viele Kinder arbeiten, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Trotz Bildungsmaßnahmen verlassen viele Kinder frühzeitig die Schule. Wer eine geistige Behinderung hat, wird von staatlicher Seite kaum unterstützt. In den Schulen der Fundación Escuelita Rayo de Sol erhalten Kinder und junge Erwachsene mit geistiger Behinderung eine individuelle Förderung. Sie bekommen Hilfe beim Lernen und nehmen an kulturellen und sportlichen Aktivitäten teil. Zusätzlich werden sie therapeutisch unterstützt und können mit dem Verkauf hergestellter Waren zur Versorgung der eigenen Familie beitragen.

Aktuell werden 390 Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen in beiden Zentren von 48 Mitarbeiter*innen betreut. Das Kindermissionswerk ,Die Sternsinger’ unterstützt die Einrichtung seit über 15 Jahren.