Die älteste Legende Kölns

Wir schreiben das Jahr 69 n. Chr. Ein für das Geschehen in der großen Politik unbedeutender Hauptmann hatte für den Fall vorgesorgt, dass Köln einer Belagerung durch die Römer ausgesetzt sein könnte und dieser Umstand wurde auch tatsächlich erwartet. So ließ er Nahrungsmittel aller Art durch die Tore der Stadt bringen, auch viele Fässer Kölsch durften dabei nicht fehlen (nun gut, Kölsch wird es nicht wirklich gewesen sein, denn das gab es im Jahr 69 noch gar nicht, aber schließlich befinden wir uns in einer Kölner Legende).

Sein Name war Marsilius. Und so weitsichtig der Hauptmann auch war… eines hatte er vergessen…nämlich daran zu denken, auch für ausreichend Brennholz zu sorgen.

Aber warum bestand überhaupt die Sorge vor einer römischen Belagerung?

Nun, im Jahre 68 starb Kaiser Nero in Rom und aus den vier möglichen Nachfolgern ging Vespasian als neuer Kaiser hervor. Einem der drei noch verbliebenen anderen, Aulus Vitellius, passte das so gar nicht und so ließ er sich am 2. Januar 69 zum römischen Gegenkaiser ausrufen und wurde in der römischen Provinz Niedergermanien, dessen Hauptstadt die Colonia Claudia Ara Agrippinensium war, Oberbefehlshaber. Unseren eigensinnigen Kölnern gefiel es jedoch überhaupt nicht, irgendwelche Nicht-Kölner in ihrer Nähe zu wissen und einen Herrscher aus diesen Reihen akzeptieren zu sollen, kam auch nicht in Frage. Also taten sie alles mögliche, um den Römern den Zugang in ihre Stadt zu verweigern.

Kommen wir zurück zu dem Problem mit dem vergessenen Brennholz:

So kreativ unsere Kölner sind, so waren sie es auch damals schon. Jener genannte Hauptmann Marsilius nämlich steckte sämtliche kölschen Mädchen in germanische Rüstungen und setzte ihnen Helme auf, so dass man nicht erkennen konnte, dass das gar keine wirklichen Männer waren. Marsilius schickte diese nun mit Karren durch ein Stadttor in den Wald, es sah also so aus, als wollten sie Holz sammeln. Eher noch aber wirkten sie kriegslustig.

Die Truppen des Kaisers Aulus Vitellius fielen auch tatsächlich darauf rein, und als sie die Mädchen in Rüstungen, die sie für Brennholz suchende Männer hielten überfallen wollten, kam Marsilius mit den wirklichen Soldaten von dem Wald gegenüberliegenden Stadttor in denselben, kreisten die Krieger des Möchtegern-Kaisers Vitellius ein und überfielen sie hinterrücks. Nach schrecklichem, aber gewonnenen Kampf nahm Hauptmann Marsilius den Vitellius gefangen.

Bis ihm am nächsten Tag der Garaus gemacht werden sollte – es sollte ihm auf dem Marktplatz der Kopf abgeschlagen werden – wurde Vitellius von Marsilius in einen Turm gesperrt.

Der nächste Tag kam und der ach so mächtige „Kaiser“ jammerte und flehte um sein Leben. Kurz bevor das Beil des Henkers niedersauste, zeigten die Kölner Erbarmen mit dem armen Wicht, aber nicht, ohne den Verurteilten vorher zu etlichen Zugeständnissen zu ihren Gunsten zu bewegen, welche Vitellius mit Unterschrift und Siegel beglaubigen musste.

Das war die Legende zur Rettung der Stadt Köln durch den mutigen Hauptmann Marsilius. Seit jeher gilt der Pfingstdonnerstag als Holzfahrtag, der Tag des Sieges über die Mannen des Kaisers Vitellius.

Am Gürzenich, über dem Eingang zum Weinkeller findet man ein Denkmal mit Inschrift für den tapferen Marsilius.

Und es gibt noch mehrere Orte, die ihm gedenken, z. B. die Marsiliusstraße oder direkt im Gürzenich der Marsilius-Saal. Man sagt ja, jede Legende beinhaltet immer auch ein Stückchen Wahrheit. Sicher auch hier, denn – mit einem Schmunzeln zu verstehen – wer weiß, was sonst aus unserer schönen Stadt geworden wäre.

Bis bald

eure Ramona