»Ich kann mindestens fünfmal im Jahr
Geburtstag feiern«, lacht Wolfgang
Wollenweber, wenn man anfängt, mit
ihm über sein Leben zu plaudern. Zu
erzählen hat der 96-jährige ehemalige
Pilot, der viele Kampfeinsätze im
2. Weltkrieg gefl ogen ist, jede Menge.
Im Mittelpunkt seines Lebens stand der
zweite Weltkrieg, dort musste er wie
viele andere junge Männer Grenzerfahrungen
erleben, die als Außenstehender
kaum nachzuvollziehen sind.
Heute lebt Wolfgang Wollenweber in
seinem Haus in Rodenkirchen als einer
der letzten lebenden Zeitzeugen.
Kriegseinsatz – Pilot war noch die
beste Alternative
»Wir mussten damals in die Wehrmacht,
es war nur die Frage, was man
da macht«, erinnert er sich an seine
Jugend. Wolfgang Wollenweber entschied
sich schnell, zur Luftwaffe zu
gehen. »Bei den Bodentruppen wirst
du von Schützengraben zu Schützengraben
geschickt und irgendwann
abgeknallt. Im Flieger bist du dein
eigener Herr.« Nach der Grundausbildung
absolvierte er die Flugzeugführerschule,
wurde schnell zum Leutnant
befördert, machte eine Ausbildung
auf der Instrumentenfl ugschule um
dann mit verschiedenen Flugzeugtypen
Einsätze zu fl iegen.
Überleben war das oberste Ziel
Damit fi ng auch die Sache mit den
fünf Geburtstagen an. »Das waren
immer Situationen, die ich eigentlich
nicht überleben konnte.« Ein solcher
Flug ging in die norwegischen Fjorde
mit dem Auftrag zur Luftsicherung für
einen Minenleger. Man war mit vier
Flugzeugen unterwegs, der Einsatz
diente dazu, Nachwuchspiloten in die
Praxis einzuführen. »Das Problem war
plötzlicher Nebel, wir konnten den
Minenleger nicht sehen.« Jetzt wollte
er den anderen Piloten zeigen, wie
man den Nebel durchfl iegt, doch das
war keine kleine Nebelbank, sondern
ein Nebelgebiet, was sich vom Nordpol
kommend über die Wasseroberfl äche
ausgebreitet hatte. »Inzwischen
ging der Sprit zur Neige, wir konnten
nicht mehr aus dem Nebel raus.«
Was tun? »Entweder man setzt auf
dem Wasser auf oder geht per Fallschirm
raus, beides würde im zwei Grad
kalten Wasser tödlich enden.« Also
nahmen die Piloten jedes Risiko auf
sich. »Unsere Homebase lag in einem
Fjord, den konnten wir vielleicht noch
im Blindfl ug erreichen.« Dort angekommen
mussten sie mit dem letzten
Tropfen Sprit mitten im Nebel die Landebahn
treffen. »Herr Kapitän, wir leben
noch.« War die kurze und knappe
Rückmeldung. Nach einer Umarmung
durch den Staffelkapitän und einem
kleinen Begrüßungssekt »haben wir
uns dann hemmungslos betrunken.«

Die Überschallgrenze geknackt
Sein Lieblingsfl ugzeug war die He 162,
ein Flugzeug aus den Henkel Werken,
was seiner Zeit weit voraus war. »Wir
bekamen die nagelneue Maschine
ohne Einweisung dahingestellt, dann
hieß es, fl ieg mal los.« Gesagt, getan,
doch bald kam der erste Schreck:
»Plötzlich hörte ich nichts mehr, kein
Maschinengeräusch, obwohl die Turbine
direkt hinter meinem Kopf lag.
Ich dachte, das Treibwerk ist im Eimer.
« Aber nichts dergleichen, die Erklärung
war ganz einfach: »Ich hatte
die Schallmauer geknackt, nur hatte
uns das niemand gesagt.« Mit einer
Spitzengeschwindigkeit von über 900
km/h war diese Maschine fast doppelt
so schnell wie alle anderen, auch
feindlichen Maschinen. Trotzdem war
der Einsatzrahmen begrenzt, der Tank
hielt nur für 45 Minuten Flugdauer. Ein
Handbuch für die Maschine bekam
Wolfgang Wollenweber übrigens erst
Jahre später in die Hände.
Erinnerungen in Büchern festhalten
Zu einem seiner fünf Geburtstage hat
Wolfgang Wollenweber ein Buch mit
seinen Erinnerungen veröffentlicht.
Dort fi ndet man detailliert beschrieben
noch mehr solcher atemberaubender
Erlebnisse. »Besonders meine
Enkel sind ganz wissbegierig darauf,
was in dieser Zeit wirklich passiert ist.«
Eine authentischere Beschreibung
als von einem solchen Zeitzeugen
können sie kaum bekommen. Das
Buch »Die Reichsadler – Dokumentation
über die Einsätze der Me 110 und
He 162« ist im Helios Verklag erschienen
und in allen stationären und online-
Buchhandlungen erhältlich.
Wolfgang Wollenweber ist auch mit
96 Jahren noch fi t, ab und zu trifft er
sich mit Freunden in Rodenkirchen,
um eine Flasche Wein zu leeren und
in Erinnerungen zu schwelgen. Einmal
im Jahr geht es nach Speyer, wo man
sich mit alten Kameraden trifft. Auch
zu Fuß oder mit dem Auto ist er noch
gut mobil, mit 80 ist er nochmal selber
um den Kaiserstuhl gefl ogen. Als
nächstes Projekt will er eine Familienchronik
schreiben. Das einzige Problem:
»Mein Sohn muss mir dazu noch
eine funktionsfähige Schreibmaschine
besorgen, die alte hat ihren Geist aufgegeben.
« (kgs)