Plötzlich ist man in einer eigenen
Welt. Hohe Decken, Büsten, Statuen
und Gemälde – schon der Eingangsbereich
des Hauses von Rudolf Peer
lässt ahnen, was der Kölner Bildhauer
in seinem Leben alles geschaffen hat.
Stolz lässt er seinen Gast erst einmal
erstaunt die Blicke bis in die hohe
Stuckdecke schweifen, um ihn dann
an seinem Verständnis von Kunst und
Architektur teilhaben zu lassen. Spätestens
wenn man sein Atelier betritt,
ist man überwältigt von der Vielfalt,
die hier geboten wird und zum Nachdenken
einlädt. Ob historische Bücher,
Plastiken, Gemälde, Radierungen,
eine alte Musikanlage – das Atelier
bietet Stoff für Wochen, um nur halbwegs
einen Überblick zu bekommen.
Rudolf Peer hat den Überblick. Mit
86 Jahren ist er hellwach, greift sich
ein Buch und die Augen fangen an
zu glänzen: »Schauen Sie, das ist ein
Lehrbuch für Architekten aus dem
17. Jahrhundert. Wie detailliert dort
gezeichnet wird, mit wie viel Fantasie
die Gebäude entworfen und realisiert
wurden.« Der Vergleich zur heutigen
Kölner Kultur, besonders zur Architektur,
macht den Bildhauer wichtig wütend

»Es ist eine Schande, wie einfallslos
heute gebaut wird.
Die Architekten können das alles nicht
mehr, das macht alles der Computer.«
Zu jedem Werk hat er eine Geschichte
zu erzählen, trennen möchte er sich
von nichts. »Wir wollen uns auf Dauer
hier schon verkleinern, aber diese Sachen
hier kann man nicht abgeben.«
Rudolf Peer ist Kölner seit 1950. In
Südtirol geboren, wanderte die Familie
ein Jahr nach Rudolf Peers Einschulung
nach Deutschland aus, um
dem politischen Druck in Südtirol zu
entgehen. Zunächst lebte die Familie
im sächsischen Vogtland, wo sein

Vater Arbeit fand. Nach den Wirren
der Nazi-Zeit konnte er 1946 eine
Ausbildung zum Holzbildhauer machen,
bevor man 1947 nach Düren
übersiedelte, wo er seine Ausbildung
beenden konnte. Später schaffte er
die Aufnahmeprüfung zur Werkkunstschule
Köln und konnte dort mit einem
Stipendium der Stadt Düren 1954
seinen akademischen Abschluss machen.
Schnell etablierte er sich dann
in der Kunstwelt, bereits 1954 kam der
erste öffentliche Auftrag von der Stadt
Düren: Er schuf ein Relief, welches am
Geburtshaus des Heimatdichters J.
Schlegel angebracht wurde. Den Einstieg
in die Kölner Kunstwelt schaffte
Rudolf Peer mit der Ausführung des
Kreuzweges in der wieder errichteten
Kirche St. Kolumba. Von da an ging es
steil bergauf, in Zusammenarbeit mit
bekannten Architekten führte er unzählige
Aufträge vor allem von Kirche
und Staat aus.
So findet man auch überall man Werke
von ihm, ob einen Taufsteindeckel
im Adenauer Haus in Rhöndorf, gestaltete
Fenster in Düsseldorfer-Benrath,
unzählige Objekte im Kölner
Stadtraum oder eine große Freiraumplastik
in der Euskirchener Südstadt –
die Arbeit des Bildhauers war in den
Jahren des Wiederaufbaus der Bundesrepublik
sehr gefragt. So gestaltete
er die Westfassade von St. Michael
in Wuppertal in einer speziellen Betongusstechnik,
von ihm sind die Türstürze
sowie der Altar von St. Pius in Köln-Flittard
oder eine Plastik im Garten des
TÜV Rheinland. Besonders in Erinnerung
blieb ihm die Begegnung Konrad
Adenauer im Rahmen der Übergabe
des von ihm gestalteten Geschenkes
der Kölner Bischöfe an den ersten
Bundeskanzler: »Das war ein sehr stattlicher
und beeindruckender Mann.«
Neben den öffentlichen Großaufträgen
entwarf Rudolf Peer Gedenkmünzen,
Radierungen und Kleinplastiken.
Ein großes Projekt war die
Sanierung des Falderhofes in Köln-
Sürth: »Das Gebäude war komplett
verfallen, es war eine riesige Herausforderung,
da etwas draus zu machen.
« Acht Jahre lang hat er gemeinsam
mit Frau Gertrud, im Hauptberuf
Opernsängerin, an der Sanierung des
maroden Gebäudes gearbeitet. Hier
konnte er seine Vorstellungen von
Architektur und Gebäudegestaltung
realisieren. Bescheiden ist er dabei
auch noch: »Ich habe versucht, alles
ordentlich zu machen.«
Rudolf Peer hat sein Leben lang
kreativ gearbeitet, heute realisiert er
noch kleine Zeichnungen in seinem
Atelier und versucht, dort ein wenig
Ordnung zu schaffen. »Jedes Teil hier
hat seine Geschichte. Schauen Sie
diese alten Bücher, so etwas kann
man nicht weggeben.« Zufällig liegt
da gerade eine Zeitschrift mit Abbildungen
moderner Kunst, einmal kurz
blättern, ein verzweifelter Blick und
das Heft wird mit einem Seufzer wieder
beiseite gelegt. Mit seinem Leben
ist er rundherum zufrieden: »Ich habe
das Leben gelebt und Spaß gehabt.«
Ein besseres Fazit könnte man nicht
ziehen. (kgs)