Gastbeitrag für Stadtteilliebe geschrieben von MARKUS SCHÖNEBERGER- 

Modell Rondorf: Vorfahrt für die Veedel

„Wie leben wir in Köln im Jahre 2030?“ Mit dieser Fragestellung hat die Kölner Oberbürgermeisterin

Henriette Reker  einen bemerkenswerten Strategieprozess angestoßen zum  Zukunftsbild der Stadtgesellschaft. Titel des ehrgeizigen Projektes „ Kölner Perspektiven 2030“. Sie hat alle  Kölnerinnen und Kölner, Politik, Verwaltung, Expertinnen und Experten ausdrücklich eingeladen, mit Ideen daran mitzuarbeiten, wie sich die wachsende Millionenstadt im Blick auf das kommende Jahrzehnt  weiterentwickeln soll. Ihr ambitionierter Anspruch dazu lautet: So nutzen wir das Wissen von heute für die Stadt von morgen!

Ob diese Aufgabe gelingt, hängt allerdings nach meiner festen Überzeugung von einem entscheidenden Umdenken ab:  Die Kölner Kommunalpolitik, die ich seit  20 Jahren aufmerksam beobachte,  ist traditionell zu sehr auf die Innenstadt zentriert – und dort wiederum auf „Großprojekte“. Aber für die soziale Entwicklung einer Millionenstadt sind lebendige Veedel die Grundlage. Köln ist einerseits stolz auf seine vielen „Veedel“ – aber andererseits: Wird es den dortigen Ansprüchen auch gerecht?“

Nehmen wir als konkretes Beispiel Rondorf.

Die 10.000 Bürgerinnen und Bürger in diesem südlichsten Kölner Stadtteil konnten bisher nicht

gerade behaupten, mit einem Übermaß an Aufmerksamkeit bedacht worden zu sein. Die

Vereinskultur ist bedroht, weil es keinen geeigneten Raum für Veranstaltungen gibt; selbst die

Bürgeranhörung zu dem umstrittenen Neubaugebiet Rondorf Nordwest musste im Sommer 2018

nach Sürth ausweichen; trotzdem kamen mehr als 500 neugierige Bürger, was zeigt, wie

ausgeprägt  das Interesse an lokalen Entwicklungsfragen ist. Der Fußballclub SC Rondorf, 1912

gegründet ( und somit älter als der FC Köln, gegründet erst 1948) und vor allem dank seiner

engagierten Jugendarbeit  ein stadtweit anerkanntes Vorbild, wartet bereits seit mehr als zehn

Jahren  auf die versprochene neue Anlage, weil das derzeitige Gelände teilweise nicht mehr nutzbar

ist. Bereits 2001 wurde der Schulausschuss der Stadt beauftragt, die Einrichtung eines Gymnasiums

in Rondorf vorzubereiten. Von den seit Jahrzehnten ungelösten Verkehrsproblemen gar nicht erst zu

reden.

Noch mehr Beispiele?

Nein, reden wir lieber nicht über die Versäumnisse der Vergangenheit. Reden wir über die Chancen der  Zukunft. Denn die Zeichen stehen auf Veränderung. Alles wird gut, vielleicht. Der entscheidende Faktor: Die Bürger von Rondorf und Hochkirchen haben  ihre lokalen Angelegenheiten in den letzten Jahren selbst aktiv in die Hand genommen. In einer „Bürgerwerkstatt“ wurden in mehreren Fachrunden die zentralen Probleme analysiert und Lösungsmodelle entwickelt. Die konzeptionelle Vorgehensweise der Dorfgemeinschaft ist inzwischen als „Rondorfer Modell“ bei Stadtplanern bundesweit bekannt. Kernpunkt: Städtebauliche Veränderungen gelingen nur, wenn die Bürger dabei mitgenommen werden und sich mit ihren Anliegen in der Stadtplanung wiederfinden. Rondorf soll weiter wachsen, einerseits. Allein mit Rondorf Nordwest kommen mehr als 4000 Neubürger in den kommenden Jahren hinzu. Andererseits besteht die Absicht, mit diesem neuen Bauboom zugleich das in der Vergangenheit versäumte nachzuholen, die gesamte Infrastruktur zu einer neuen Qualität zu führen:  Das Gymnasium  kommtendlich, auch wenn lange dafür gekämpft  werden musste. Dazu zwei neue Grundschulen, Kindergärten. Für den Sport in dem Veedel hat die Stadt sogar ein eigenes Modellprojekt aufgesetzt –  nicht nur der SC Rondorf kann dann aufatmen.  Ein Marktplatz soll dem Ort zudem einen neuen belebenden Mittelpunkt schaffen. Für die Verkehrsprobleme sind Lösungen, teils noch vage, in Sicht. Aber die Stadtbahn soll kommen, die Ausschreibung läuft demnächst. Dies alles sind gute Nachrichten. Aber sie sind nicht zufällig. Sie sind vielmehr begründet durch die entschiedene Botschaft der Dorfgemeinschaft: Keine neuen Bauprojekte ohne gleichzeitige Verbesserung der Infrastruktur und der örtlichen Attraktivität.  Die Botschaft scheint angekommen zu sein.

Kürzlich konnte ich mich mit Kölns oberstem Bauherrn, Markus Greitemann über Rondorfs Zukunft unterhalten. Ich traf auf einen Fachmann, der aufmerksam zuhörte, sich sensibel zeigte für die kritischen Punkte und klar auf Dialog setzt.

Das sind schon mal gute Voraussetzungen für die Entwicklung einer lebendigen Stadtgesellschaft. Anderes bleibt offen.

Etwa ein innovatives Mobilitätskonzept.  Als Rondorfer im Rahmen einer Aktion des newsletters SÜDBLICK kostenlos E-Autos testen konnten, war die Resonanz erfreulich hoch. Aber auf eine „E-Tankstelle“ muss der Stadtteil bis auf Weiteres warten. Zu viele Projekte in Köln beschränken sich zudem auf eine städtische Kernzone und lassen die Veedel wie Rondorf  außerhalb außen vor. Ein schwerer Fehler.

Rondorf könnte  im Zuge des Großbauprojektes „Rondorf Nordwest“ ein Vorzeigeprojekt für das Köln von morgen werden – wenn man mit dem Ernst machen möchte, was Henriette Reker vorschwebt. Dafür muss nicht alles neu erfunden werden. In München steht zum Beispiel  nicht nur ein Hofbräuhaus; sondern auch eine neue Wohnsiedlung, die mit 4000 Einwohnern etwa vergleichbar ist mit den viel diskutierten Bauplänen für Rondorf. Jener „Domagkpark“ im Münchner Norden gilt als europaweites Modell, wie moderne Mobilität in Großstädten der Zukunft aussehen könnte. Unterschied zu Köln: Das Viertel in der Bayernmetropole wurde bereits 2012 gebaut, in einem Jahr wird der Erfahrungsbericht vorgelegt. Da geht es  um das Zusammenspiel der verschiedenen Verkehrspartner wie Carsharing, park and ride, Leihroller, E-Lastenräder,-PKWs, Ladesäulen für E-Autos, besseren Nahverkehr, Raum für Fußgänger  usw.

Es würde sich nach meiner Meinung sehr lohnen, vom Rhein mal an die Isar zu schauen, bevor in Rondorf Nordwest die Bagger anrollen. Dann könnte das geplante neue Wohnquartier im Kölner Süden sogar  eine Blaupause werden   für  die nächste Generation moderner Stadtplanung, die Wohnen, Verkehr, Umwelt intelligent  miteinander verbindet. Für dieses Ziel arbeitet die Dorfgemeinschaft jedenfalls  sehr nachdrücklich.

Daraus könnte eine mutige Vision werden:  Ein lebendiges Veeedel, das seine gewachsene Struktur mit neuen Zukunftsideen verbindet. So gesehen ist die Entwicklung in Rondorf in den kommenden Jahren ein Testfall. Soll das Reker-Projekt 2030 gelingen, muss Köln „von unten“ wachsen. Aus der Kraft seiner Veedel. Erst ihre Summe ergibt die „Stadtgesellschaft“. Frau Reker sagt: „Lassen Sie uns gemeinsam unser Alltagswissen zusammentragen und aus diesen Puzzleteilen ein Bild zusammensetzen, das unsere wachsende Metropole mit all ihren Besonderheiten zeigt und mit den passenden Zielen weiterentwickelt“.

Wenn sie Anschauungsmaterial sucht, sollte sie beim nächsten Frühjahrsempfang in Rondorf mal vorbeischauen! Denn wie sagte sie so zutreffend: „ Ich bin sicher, dass wir noch  viele Potenziale für die künftige Entwicklung unserer Stadt im Rahmen der „Kölner Perspektiven 2030“ sichtbar machen werden“.