Foto: Carola Steiner

Spurensuche – Carola Steiner sammelt Ahnen

Ein schlichter Grabstein gab den Anstoß zu Erkundigungen und brachte längst Vergangenes zu Tage.

„Bernhard Steiner – 1921-1945“

Die Grabinschrift des einfachen Kriegsgrabes fiel mir schon öfter bei den Besuchen unseres Rondorfer Friedhofes an der Giesdorfer Straße auf.

Die Familie meines Ehemannes Peter lebt schon seit mehreren Generationen in Hochkirchen / Rondorf. Die Linie der Familie der Großmutter geborene Blindert stammte aus der Gegend um Bad Münstereifel und die Steiners zogen um 1880 von Lich an den Kölner Stadtrand.

Der alte Peter Adam Steiner, der Urgroßvater meines

Mannes, führte am Zuckerberg in Hochkirchen eine Wäscherei und Mangelstube. Elf Kinder wuchsen hier auf.

Wer war aber dieser Bernhard Steiner? War er mit uns verwandt? Der erste Schritt bei einer Suche nach einem Gefallenen ist die Online-Gräbersuche bei dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

Dort fand ich auch seinen Namen. In einem Formular müssen die eigenen Personalien angegeben werden und dann wartet man auf Antwort. Nach kurzer Zeit bekam ich einen Brief, in dem ich nun die Geburts- und Sterbedaten, sowie Nummer der Erkennungsmarke von Bernhard Steiner erfuhr:

Er wurde am 7.10.1921 in Sand geboren und starb in Rondorf am 5.3.1945.

Seine Erkennungsmarke war -767-I.G.E.Kp.18.

Sein Grabbezeichnung: Köln-Rodenkirchen, Feh.Rondorf V / Grab: 122.

Im Stadtarchiv Köln kann man die Personenstandsregister digital einsehen. Wegen des Datenschutzes sind aus dieser Zeit nur die Sterbeurkunden online[1].

Ich schaute zur Sicherheit die Register bis 1960 durch, denn es wurden durch die Kriegswirren auch noch später Eintragungen zu Gefallenen gemacht. Doch leider fand ich dort keinen Eintrag im Sterberegister für Bernhard Steiner.

Der 5.3.1945 war ein wolkenfreier Montag[2]. Die letzten Tage des Krieges brachen für das linksrheinische Köln an[3]. Vor dem Krieg lebten in Köln 770 000 Einwohner, kurz bevor die Amerikaner das zerbombte Köln befreiten, lebten dort nur noch 40 000 Menschen[4]. Bei Luftangriffen kamen rund 20 000 Menschen ums Leben, die Überlebenden waren geflohen oder evakuiert, wie die Familie meiner Schwiegermutter. Deren neunköpfige Familie Degen aus Raderthal wurde nach Gügleben in Thüringen evakuiert[5] und lebte zwei Jahre, in der Nähe von Erfurt.

Der zuständige Gauleiter für Köln und Aachen, Josef Grohé[6], verlangte in seiner letzten Rede von der Bevölkerung fanatischen Widerstand und setzte sich noch am selben Wochenende 3./4.März 1945 über den Rhein, Richtung Thüringen ab. Dort lebte er noch ein Jahr unter falschem Nam bevor er von den Amerikanern verhaftet wurde[7].

Zurück nach Köln. Was geschah in Köln-Rondorf in der Zeit um den 5. März 1945?

Zeitzeugen berichten in dem Buch „Rodenkirchener erinnern sich“ von Cornelius Steckner, aus dieser Zeit. So lese ich von der Zwangsevakuierung von 120 Rodenkirchener Bürgern im Januar 1945.

Rodenkirchen war schwer betroffen durch die alliierten Luftangriffe auf die Rodenkirchener Brücke, die erst am 21. Oktober 1941 eingeweiht wurde. Schon drei Jahre später stürzte sie in den Rhein, nachdem am 14. und 28.1.1945 durch mehrere Treffer die Tragseile zerstört wurden.

Die Rodenkirchener Behörden entschieden, dass „Ausgebombte“ Richtung Harz zwangsevakuiert werden sollten. Durch einen Verwaltungsfehler wurde die Gruppe jedoch nicht nach Mitteldeutschland geleitet, sondern kam nach Drossen, rund 30km östlich von Frankfurt an der Oder. Dort gerieten die Menschen zwischen die Fronten, da die rote Armee nur noch 120 km entfernt war. Nach einer Woche wurden sie in einem Zug weiter verschickt, der von den Panzergeschützen der sowjetischen Armee beschossen wurde. Nach einer schier endlosen, dramatischen Odyssee kamen die Überlebenden am Heiligabend des Jahres 1945 wieder zurück nach Rodenkirchen. 28 Rodenkirchener hatten diese Reise mit ihrem Leben bezahlt.

Eine der Überlebenden, Agnes Widdig geb. Spelten, stiftete eine jährliche Gedenkmesse am 2. Februar in der Pfarrkirche St. Maternus, die bis 1988 alljährlich abgehalten wurde.

Leider sind diese Messen eingestellt worden und auch die Gedenktafeln, mit den Namen der Getöteten, wurden entfernt.

Mittlerweile bekam ich von der Deutsche Dienststelle (WASt) für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht endlich Nachricht auf meine Anfrage nach Bernhard Steiner.

Er fiel als Mitglied der 4. Kompanie der Panzer-Aufklärungsabteilung 103.

Seine Eltern hießen Josef und Maria Steiner. (Auskunft WASt 16.02.2018).

Glücklicherweise erhielt ich auch eine Adresse der Eltern, die in den Akten zu finden war.

Sie wohnten 1946 in Minden, wo ich jedoch keine Angaben über Bernhard Steiner im Standesamt fand. Im Einwohnermeldeamt fragte ich nach, in der Hoffnung doch noch etwas über den Geburtsort Sand herausfinden zu können. Es gibt oder gab mindestens 6 verschiedene Orte Sand in der Bundesrepublik Deutschland.

Es fand sich noch eine alte Kartei im  Einwohnermeldeamt, auf der stand, dass die Familie Steiner aus Frankenberg, Kreis Frankenstein im ehemaligen Niederschlesien stammte und 1946 nach Minden kam. Heute liegt der Ort in Polen und heißt Przylęk. Dort gab es ebenfalls einen Ortsteil, der Sand hieß.

Über die vielfältigen Portale der Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und bei dem Verein für Computergenealogie e. V.[8], fand ich weitere Informationen und einen Ansprechpartner, der die Ortsfamilienbücher dieses Ortes erstellt hat. Ortsfamilienbücher sind für Ahnenforscher eine große Hilfe, da darin die Verwandtschaften von Familienmitgliedern zusammengetragen werden. Die Quellen dafür sind meist die Kirchenbücher einer Gemeinde und deren Nachbargemeinden.

Es gab in Sand einen Hof Steiner, so hatte ich große Gewissheit, dass die Informationen richtig waren. Durch die Kirchenbücher kann die Familie Steiner bis in das 17. Jahrhundert nachweisen werden. Bernhard Steiner wurde also in Niederschlesien geboren und seine Eltern gehörten zu den rund 9 Millionen Deutschen, die nach dem Krieg aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands vertrieben wurden.

Die Familien von Frankenberg wurden am Vorabend informiert, dass sie sich am nächsten Morgen des 6.4.1946 am Ortseingang einfinden sollten. Sie durften nur soviel mitnehmen, wie sie tragen konnten. Sie wurden zu 40 Personen in Viehwaggons gepfercht und kamen auf diese Weise nach Minden. Man kann sicher annehmen, dass die Eltern von Bernhard, spätestens als sie in Minden ankamen, von dem Tod ihres Sohnes Kenntnis erhielten.

Ob die Familien in Schlesien und in Köln miteinander verwandt sind, habe ich noch nicht herausgefunden. Interessant ist jedoch, dass beide katholischer Konfession waren, bzw. sind.

Das ist insofern bemerkenswert, als dass im Osten Deutschlands die evangelisch lutherische Konfession häufiger vertreten ist.

Ich bin mit meiner Spurensuche deshalb noch nicht am Ende, vielleicht handelt es sich bei Bernhard Steiner tatsächlich doch um einen entfernten Verwandte

[1] http://historischesarchivkoeln.de/lav/index.php

[2] https://geboren.am/5-maerz-1945

[3] http://www.luftfahrtarchiv-koeln.de/luftwaffenhelfer_kriegsende.htm

[4] https://www.mz-web.de/8874180

[5] http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/themen/Das%20Rheinland%20im%2020.%20Jahrhundert/Seiten/Kinderlandverschickung.aspx

[6] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513534.html

[7] https://www.express.de/koeln/koelns-ober-nazi-die-flucht-von-gauleiter-josef-grohé-endete-in-kleinem-dorf-1387182

[8] http://wiki-de.genealogy.net/Frankenberg_(Kreis_Frankenstein),_OFB,