Vom Alleinverdiener zur Elternzeit – welche Rolle spielt eigentlich der Mann?

Zuerst die Frau, jetzt noch das dritte Geschlecht – wo bleibt in Zeiten der Genderdebatten eigentlich der Mann? Das ist eine Frage, mit der sich wohl viele Männer im Laufe ihres Lebens konfrontiert sehen. Ist jetzt gar eine Emanzipation des Mannes angesagt?

Eine Studie des Familienministeriums hat klar ergeben: Die meisten jungen Paare möchten eine gleichberechtigte Partnerschaft auf Augenhöhe, immer mehr Männer sind der Überzeugung, dass der Vater seine Berufstätigkeit reduzieren sollte, solange die Kinder noch klein sind. Vor allem bei jüngeren und gebildeten Männern sind diese Rollenbilder sehr ausgeprägt.

Allerdings macht sich bei den Männern Verunsicherung breit. Eine Studie des Marktforschungsinstituts Rheingold kommt zu dem Schluss: Frauen haben immer mehr Terrain erobert, Männer haben keine Methode gefunden, damit umzugehen. Im Gegenteil: Der Wandel geht im beruflichen Bereich sehr viel schneller voran als im privaten. Während die Männer im Job mit den Frauen teilen müssen, bleibe ihnen daheim meist noch die traditionelle Rolle. Wenn sie nach Hause kommen, bestimme immer noch die Frau, wo das Sofa steht und wie die Spülmaschine eingeräumt wird. Die Forscher haben eine große Sehnsucht gefunden, das wiederzufinden, was einst als typisch männlich galt.

In der Tat haben sich in den vergangenen Jahren die Werte der Männer deutlich verändert. Waren früher Karriere, schnelle Autos und die Macht innerhalb der Familie der oberste Wunsch, sieht das heute ganz anders aus. Gerade bei jungen, modernen Männern steht Zufriedenheit über Erfolg. So steigen junge Männer gerne erst einmal für eine gewisse Zeit aus dem normalen Leben aus und bereisen nach der Schulzeit die Welt. Sie suchen und wollen das Abenteuer und nicht wie Ihre Väter gleich in die Karriereschraube einsteigen.

Was bedeutet das für die über 30-jährigen Männer? Familie und Beruf werden idealerweise zwischen den Partnern aufgeteilt. Keiner ist mehr alleinverantwortlich für Geld oder Familie. Der Macho-Mann ist out, er will gar nicht mehr der Allein-Versorger der Familie mit Haus, Kind und Familienkutsche sein. Ganz im Gegenteil: der moderne “Mann“ kann sehr gut eine beruflich erfolgreiche Frau neben sich akzeptieren und kümmert sich genauso wie seine Partnerin um die Belange der Familie. Mode, Fitness und ein soziales Umfeld sind wichtiger als schnelle Karriere  geworden. Auch die Unternehmen spüren diesen Trend – Führungskräfte sind schwerer zu finden, viele Männer winken bei einer Beförderung dankend ab.

Es gibt allerdings auch eine Kehrseite der neuen Rollenverteilung. So liest man in Ausschreibungen der öffentlichen Hand gerne „weibliche Bewerber bevorzugt“. Schlägt da etwas radikal in die andere Richtung aus? Ungeachtet der zunehmenden Akzeptanz der Gleichstellungspolitik in der Breite der Bevölkerung entwickelt sich laut Studie des Familienministeriums eine radikal antifeministische, betont „maskulistische“ Strömung in der Gesellschaft. Diese Männer sehen in der Gleichstellungspolitik nur ein Synonym für die unnötige Frauenförderung. Frauen seien genug gefördert worden, jetzt seien mal die Männer dran, laute eine der Auffassungen dieser Gruppe. Da ist man dann auch schon beim Generationen-Problem. Für die Männer über 50 sind die neuen Entwicklungen oft schwer zu verstehen, sie haben Schwierigkeiten, sich den veränderten Rollenanforderungen anzupassen.

Seit dem 1.Januar 2020 hat sich die ganze Sache noch weiter verkompliziert – es gibt neben männlich und weiblich das Geschlecht divers. Dieses Geschlecht macht durchaus seinen Sinn, besonders für Menschen, die männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale mit sich tragen. Wie sich hier die Debatte in Sachen Emanzipation welchen Geschlechtes auch immer weiter entwickelt, ist noch völlig offen. Auf alle Fälle sind die Männer noch genug damit beschäftigt, ihre neue Identität zu finden – und wenn es dann auch wieder eine Emanzipation des Mannes gibt.

Text KS