In vorbildlicher Weise hat sich die Dorfgemeinschaft Rondorf mit dem Neubaugebiet, das den Stadtteil um fast 50 Prozent erweitert, mit den Herausforderungen und Chancen befasst. Bereits im Jahr 2017 hat sie eigeninitiativ eine offene Bürgerwerkstatt durchgeführt und Politik, Verwaltung und der Öffentlichkeit präsentiert. Diese Vorschläge wurden von den Bürgern in die vorgezogene Öffentlichkeitsbeteiligung am 29.06.2018 eingebracht. Ein zentrales Thema war die Schaffung eines zentral gelegenen Marktplatzes mit attraktiven Handels- und Dienstleistungsangeboten. Da Verwaltung und Politik bis heute wenig Bereitschaft zeigten, sich mit den umfangreichen
Vorleistungen und Plänen der Dorfgemeinschaft zu befassen und die Gefahr besteht, dass eine halbherzige, nicht an den Bedürfnissen der Rondorfer Bürger ausgerichtete Planung durchgesetzt wird, geht die Dorfgemeinschaft nun mit der nachfolgenden Ausarbeitung an die Öffentlichkeit.

Planungsgeschichte
Die Planung zum Neubaugebiet Rondorf Nordwest mit Erhöhung der derzeitigen Einwohnerzahl von 9.500 auf 14.000 bedeutet einen enormen Eingriff in die bestehende Stadtstruktur und berührt die Interessen der Rondorfer Bürger in erheblichem Ausmaß. Die damit verbundenen Entscheidungsprozesse geschehen auf Grundlage des Bundesbaugesetzes, das eine Beteiligung der betroffenen Bürger vorsieht. Trotz der Dimension des Bauvorhabens und seine erheblichen Auswirkungen auf über Jahrzehnte gewachsene Strukturen wurde von der Verwaltung und Politik keine vorgezogene Bürgerbeteiligung beschlossen. Diese wird normalerweise vor dem Aufstellungsbeschluss des Bebauungsplanes (B-Plan) auf Grundlage eines städtebaulichen Entwurfes durchgeführt, um die Anregungen der Bürger in das B-Planverfahren vor Aufstellungsbeschluss mit einfließen zu lassen.
Nach dem Aufstellungsbeschluss ist es wesentlich schwieriger, grundlegende Anregungen in den Planungsprozess einfließen zu lassen, da im Vorfeld alle maßgeblichen Ämter der Stadtverwaltung und beauftragte Fachplaner in die Entscheidung zum Aufstellungsbeschluss mit einbezogen wurden und ein grundsätzlicher Konsens hergestellt wurde. Für die betroffenen Bürger ist es kaum möglich, danach diesen Konsens in Frage zu stellen.
Anstelle der Stadt übernahm die Interessensvertretung des Stadtteils „Dorfgemeinschaft Rondorf Hochkirchen Höningen“ die Initiative und veranstaltete von Januar bis Juli 2017 eine vorgezogene Bürgerbeteiligung, die unter Einbezug von Experten in mehreren Phasen ablief und anschließend in Form einer Dokumentation der Verwaltung und Politik zugänglich gemacht wurde.

Bild 1: Umschlagseite Dokumentation zur vorgezogenen Bürgerbeteiligung Das Hauptanliegen der Dorfgemeinschaft (DG) und der von ihr ins Leben gerufenen Bürgerwerkstatt war, das durchaus willkommene Neubaugebiet nicht als introvertierten, nur in sich funktionierenden Körper zu begreifen, sondern mit dem bestehenden Stadtgefüge so zu verknüpfen, dass Rondorf als Ganzes gewinnt und bestehende Defizite mit Hilfe der neuen
Entwicklung beseitigt werden können. Es galt, die bestehenden Potentiale des Ortskerns und die der Neubebauung so zusammen zu führen, dass Synergieeffekte entstehen, die den Ortskern und damit den Stadtteil Rondorf als Ganzes aufwerten können. „Von der Schlafstadt zum lebenswerten Veedel“ heißt die Devise. Die zentralen Forderungen lauteten:
• Bau einer Entlastungsstraße vor Baubeginn des Neubauviertels um eine Verkehrsberuhigung der innerörtlichen Hauptstraße zu erzeugen und den Durchgangsverkehr um Rondorf herum zu leiten
• Ausweisung von Mischgebieten, um eine gesunde Mischung von Wohnen und Arbeiten zu ermöglichen
• Förderung als Klimaschutzsiedlung durch das Land NRW
• Positionierung des neuen Marktplatzes als Bindeglied zwischen Alt- und Neu-Rondorf mit direkter Anbindung an das „Ortszentrum“ Rondorfer Hauptstraße.
Dabei spielte die Lage des Marktplatzes eine besondere Rolle, weil damit ein großes Potential verbunden ist, das Ortszentrum mit dem Neubaugebiet zu stärken und damit für ganz Rondorf eine neue Mitte zu schaffen.

 

Bild 2: Anbindung Marktplatz an das „Ortszentrum“ Rondorfer Hauptsraße, Vorschlag DG Durch diesen Anstoß erfolgte eine Änderung der Planung: Der Marktplatz wurde aus dem Zentrum der Neubebauung nach Süden verlegt, jedoch ohne unmittelbare Anbindung an die Rondorfer Hauptstraße und jenseits der das Neubaugebiet durchschneidenden Stadtbahntrasse. Die Zuordnung des Platzes blieb damit auf das Neubaugebiet beschränkt.
Aufgrund dieser unbefriedigten Situation erbat die Dorfgemeinschaft ein Gespräch mit dem Investor/Projektentwickler Amelis und dem Stadtplanungsamt der Stadt Köln, in dem der Wunsch zur Lage des Marktplatzes in skizzenhafter Form präsentiert wurde. Der Investor sagte eine Prüfung zu und das Stadtplanungsamt versprach eine Unterrichtung und Beteiligung der DGVertreter am laufenden Planungsprozess. Fast zwei Jahre danach ist festzustellen, dass weder die Lage des Marktplatzes verändert, noch das Versprechen bezüglich echter Planungsbeteiligung eingehalten wurde. Die Planung wurde in enger Tuchfühlung zwischen Verwaltung und Investor
weitergeführt, ohne die vorgetragenen Anregungen einfließen zu lassen. Dabei wird nicht das wichtigste Ziel der optimalen Integrationswirkung in den Vordergrund gestellt, sondern anhand von Kostenaspekte über die Platzierung des Platzes entschieden.

Bild 3: Skizzen zur Lage des Marktplatzes mit Anbindung an die Rondorfer Hauptstraße Im Juni 2018 wurden die Forderungen der Dorfgemeinschaft auch in die nach Bundesbaugesetz gesetzlich vorgeschriebene „frühzeitige Bürgerbeteiligung“ eingebracht, in der die Bürger offiziell zum ersten Mal über die Planung umfassend unterrichtet wurden und die Möglichkeit erhielten, Anregungen und Kritik vorzutragen. Es erfolgten ca. 400 schriftliche Eingaben einschließlich des Wunsches zur Lage des Marktplatzes und o.g. Forderungen. Nach fast zwei Jahren ist die Bearbeitung der Eingaben seitens der Verwaltung noch immer nicht abgeschlossen. Während
dieser Zeit wurde unverdrossen weitergeplant und die notwendigen Abstimmungen mit Fachämtern und Fachleuten herbeigeführt – offensichtlich ohne Berücksichtigung der Bürgereingaben, da die Stellungnahmen hierzu noch nicht vorlagen.
Auf diese Weise gerät das Beteiligungsverfahren zu einer Farce. Wie sollen nach zwei Jahren die Eingaben der Bürger nochmal vergegenwärtigt werden, geschweige denn in einen fast abgeschlossenen Planungsprozess Eingang finden? Es ist bereits jetzt zu erahnen, dass die zur bestehenden Planung widersprüchlichen Eingaben nicht genügend ernst genommen werden. Zum aktuellen Stand der Planung Mai 2020
Nach diesen Erfahrungen konzentrierte sich die Dorfgemeinschaft auf die gewünschte Lage des Marktplatzes, ohne die Stellungnahme der Stadtverwaltung hierzu abzuwarten. Da anfangs auf die Vorschläge der Dorfgemeinschaft kaum eingegangen wurden und etliche Gründe genannt wurden, warum es so nicht geht, blieb der Dorfgemeinschaft nichts Anderes übrig, als selbst zu planen, um zu zeigen, dass es geht. Auf Grundlage von Planungsalternativen wurden nacheinander Gespräche mit dem Projektentwickler/Investor Amelis, mit der Stadtverwaltung und Vertretern der Bezirksvertretung Rodenkirchen geführt. Die Ergebnisse waren gemischt. Während auf Seiten Amelis wenig Wille zur Änderung des aktuellen Planungsstandes erkennbar war, zeigte sich die Leitung des Stadtplanungsamtes aufgeschlossen und versprach eine interne Prüfung. Von den Vertretern der Bezirksvertretung wurde die von der Dorfgemeinschaft favorisierte Lage des Marktplatzes einhellig befürwortet. Der Bezirksbürgermeister sagte in den Grundstücksfragen seine Unterstützung zu, da durch den Entwurf der Dorfgemeinschaft auch private Grundstücke berührt werden.

Bild 4:

Vogelperspektive Marktplatz Vorschlag DG
In diesen Gesprächen wurden von der DG zwei Planungsvarianten des Marktplatzes vorgestellt, die beide östlich der Stadtbahntrasse liegen und direkte Anbindung zur Rondorfer Hauptstraße haben. Die präferierte Variante erfüllt alle Kriterien, die als Ergebnis der Bürgerbeteiligung formuliert worden sind. Die Voraussetzung für deren Realisierung ist allerdings der Einbezug von privaten Grundstücksflächen in das Planungsgebiet. Diese betreffen die an der Kapellenstraße anliegenden Grundstücke östlich der Stadtbahntrasse. Durch die Planung der Dorfgemeinschaft erhalten die rückwärtigen Teile dieser sehr tiefen Grundstücke Anschluss an den zukünftigen
Quartiersplatz und könnten über ihn erschlossen werden. Dies bedeutet eine erhebliche Aufwertung dieser Grundstücke, die den ansässigen Grundstücksbesitzern zu Gute kommt. Grundsätzlich ist die Planung jedoch ohne Zustimmung aller Eigentümer nicht umsetzbar und beinhaltet deswegen einen Risikofaktor. Aus diesem Grund wäre es sehr hilfreich, wenn sich die Stadt auf die Planung der Dorfgemeinschaft einigt, um auf dieser Grundlage entsprechende Gespräche mit den Eigentümern aufzunehmen. Um im Falle des Scheiterns nicht auf die unbefriedigende Lösung des derzeitigen Planungsstandes zurückfallen zu müssen, wurde eine zweite Entwurfsvariante entwickelt, die ohne den Einbezug privater Grundstücke auskommt. Beide Varianten wurden mit Fachleuten des Einzelhandels erörtert und hinsichtlich Anlieferung und des notwendigen Nachweises von Stellplätzen als machbar erachtet.

Bild 5: Variante 1 unter Einbezug von Fremdgrundstücken

Bild 6: Variante 2 ohne Einbezug von Fremdgrundstücken

Neben der unmittelbaren Anbindung an die Rondorfer Hauptstraße bieten die Planungsalternativen der Dorfgemeinschaft weitere Vorteile gegenüber der z.Zt. aktuellen Planung:
• Die ursprünglich geplante Verkehrsführung mit der Sammelstraße im Süden (nördlich des Grundstückes Conzen) wird beibehalten. Somit kann die Anlieferung und die Zufahrt zu den
Parkplätzen des Nahversorgers über die Haupterschließungsstraße erfolgen und beeinträchtig – anders, als in der aktuellen Planung – keine Wohnstraße.

• Auch die in der ursprünglichen Planung vorgesehene Verbindung zum Birkenweg kann bestehen bleiben. Diese Verbindung ist die einzige direkte Straßenverbindung zwischen dem Neubaugebiet und Alt-Rondorf und sollte auf jeden Fall beibehalten werden, zumindest als Option, um zukünftige Entwicklungen offen zu halten.
• Aufgrund der Stadtbahnhaltestelle, die mit einer Neigung von 1% ausgeführt werden muss, definiert sich die Höhenlage des angrenzenden Geländes. Der Entwurf der Dorfgemeinschaft ermöglicht eine ebene Platzfläche mit direkter Anbindung an die Haltestelle. Die Platzfläche im Entwurf Amelis ist hingegen stark geneigt, um die umgebende Topographie einbinden zu können.
• Der Entwurf der Dorfgemeinschaft bietet eine bessere Anbindung des Platzes an die Haltestellen des ÖPNVs. Die Haltestelle der Stadtbahn ist in die Platzfläche integriert und die Bushaltestellen Kapellenweg und Rondorfer Hauptstraße sind auf kurzen Wegen erreichbar.

Bild 7: Rondorfer Hauptstraße heute und nach der Umgestaltung Quelle: West 8

• Die bislang vorliegende Verkehrsplanung stellt glaubhaft dar, dass durch die geplante Entlastungsstraße im Süden und die direkte Anbindung des Neubaugebietes an den Weißdornweg im Norden eine Entlastung der Rondorfer Hauptstraße zu erwarten ist und so die Möglichkeit besteht, diese Straße für den Fußgängerverkehr zu stärken und vielleicht sogar als „Shared Space“ mit gleichberechtigter Nutzung aller Verkehrsteilnehmer auszubauen (siehe Abb.). Doch was nutzt diese Umgestaltung, wenn sie sich nur auf den Straßenbelag beschränkt und die durch das Neubaugebiet zu erwartenden Potentiale zur Stärkung des Einzelhandels nicht einbezieht? Der Charakter der Rondorfer Hauptstraße wird in erster Linie durch die anliegenden Läden und Gastronomiebetriebe bestimmt und durch Menschen, die diese Angebote nutzen. Durch die Angliederung des Marktplatzes mit seinen Nutzungen an die Rondorfer Hauptstraße kann eine neue Dynamik entstehen, die das lineare Ortszentrum zu einem lebendigen Stadtraum erwachsen lässt.

Die aktuelle Planung, wie sie am 2. März 2020 in einer Bürgerinformation in Rondorf vorgestellt wurde, sieht einen stark geneigten Quartiersplatz in 200 m Entfernung und in einer Höhenlage von 3 – 5m über der Hauptstraße vor, zusätzlich getrennt durch einen Z-förmigen Überweg über die Stadtbahntrasse, der wie eine Barriere wirkt. In dieser abseitigen Lage kann der Platz zur Stärkung des Ortszentrums keinen Beitrag leisten und die einmalige Chance zur Aufwertung des bestehenden Ortszentrums bleibt ungenutzt. Es gilt an dieser Stelle nochmals zu betonen, dass sich alle Planungsbeteiligten von Anfang an auf das gemeinsame Ziel geeinigt haben, die Neubebauung so zu entwickeln, dass sie sich mit den bestehenden Strukturen so vereint, dass für beide Seiten ein Gewinn entsteht. Die Dorfgemeinschaft erwartet eine entsprechende Umsetzung in der weiteren Planungsarbeit und professionelle Prüfung ihrer Planungsalternativen.